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Interview mit Matthias Stockinger:
Ich muss versuchen, König Ludwig zu verstehen.

2011 hat er König Ludwig II. bereits gespielt, im Sommer 2016 übernimmt Matthias Stockinger erneut die Titelrolle im Musical „Ludwig²“. Wie sehr ihn der bayerische Märchenkönig fasziniert und wie er dies auf der Bühne umsetzen will, schildert Matthias Stockinger im Interview.

ludwig 3811Sie waren bereits 2011 in der Kemptener Neuinszenierung als König Ludwig II. zu sehen. Nun verkörpern Sie die Rolle am Ort der Uraufführung, im Festspielhaus Füssen. Wie fühlen Sie sich dabei?

Grundsätzlich sehr gut. Nur jetzt im Moment bin ich ein bisschen müde. Ich bin erst um halb vier heute Nacht hier angekommen und hatte schon den ganzen Morgen Anproben, damit wir für heute ein passendes Kostüm finden. Aber davon abgesehen bin ich sehr froh, heute hier zu sein. Es ist doch einfach traumhaft, aus dem Fenster direkt auf Schloss Neuschwanstein und die Berge zu blicken. Ich freue mich sehr auf den Sommer hier in Füssen.

Das Musical „Ludwig²“ hat viele Fans, die mit außergewöhnlicher Hingabe hinter dem Stück stehen. Was meinen Sie, woran das liegen könnte?

Das hat wahrscheinlich mehrere Gründe. Zum einen die grandiose Musik, dann das einmalige Festspielhaus hier in Füssen mit dieser riesigen Drehbühne, dem Wasserbecken und dem ganzen Bühnenbild. Aber ich denke, an oberster Stelle steht die Persönlichkeit von König Ludwig II. Dieser Mensch war einfach wahnsinnig faszinierend – und ist es bis heute. Er hat seinen Traum gelebt, in aller Konsequenz. Zwar ist er daran gescheitert, aber er hat es getan. Ich könnte mir vorstellen, dass viele Leute, die ihren Alltag bestreiten, eigentlich auch gerne mehr ihrem Traum folgen würden, das aber nicht können, weil sie eben kein König sind. Und ich glaube, dass genau dies viele Menschen berührt und diese besondere Faszination ausmacht. Zumindest ist das für mich zu einem großen Teil so.

ludwig 2594Wie fließt das in Ihre Darstellung ein?
Bei der Erarbeitung der Rolle ist für mich die Persönlichkeit des Königs entscheidend. Mir geht es nur um den Menschen. Über die gegebenen historischen Fakten müssen sich die Autoren des Stücks Gedanken machen, die müssen damit vertraut sein – was sie ja auch sind. Mir geht es darum, den Menschen in seiner historischen Welt darzustellen. Wenn ich mich mit einer Rolle wie Ludwig befasse, versuche ich, nichts zu werten. Zu sagen, das ist gut oder schlecht, was er da getan hat oder das ist eine schöne Eigenschaft und dies eine schlechte, würde mich nicht weiterbringen. Ich muss versuchen, zu verstehen, warum König Ludwig II. wie gewesen ist. Was dann entsteht, liegt letzten Endes gar nicht mehr so sehr in meiner Hand. War er ein Visionär? War er verrückt? Es ist am Publikum, das zu entscheiden.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?
Es gibt ja viele Filme und unzählige Bücher über König Ludwig II. Schon für die Kemptener Spielzeit habe ich vieles gelesen und mich damit auseinander gesetzt. Aber ich habe auch das Naheliegende getan: Ich habe die Schlösser besichtigt. Aber ich bin da nicht einfach als Tourist durchgegangen. In dem Moment war das mein Schloss, das ich selber gebaut habe. Es war ein An-Sich-Heranholen, Einatmen und Erleben. Gerade auf Schloss Neuschwanstein durfte ich ganz einmalige Erfahrungen machen. Im Rahmen einer privaten Führung konnte ich mich etwas freier bewegen, als es dort sonst möglich ist. Ich konnte das Ganze wirklich erspüren und erleben – es war sagenhaft. Ich stand im Thronsaal und dachte ‚das ist meins‘. Soweit muss man sich ja reinsteigern, wenn man die Rolle spielen will. Natürlich würde ich als Privatmensch nicht sagen, dass mir der Thronsaal in Schloss Neuschwanstein gehört (lacht). Aber in dem Moment war das einfach unglaublich. Man ist plötzlich in einer ganz anderen Welt, in einer Welt aus Gedanken und Emotionen. Und dann löst sich ganz vieles einfach schon von selbst, bei dem man sich beim Erarbeiten anderer Rollen viele Fragen nach dem Warum und Weshalb stellen muss. Wir haben im Sängersaal Wagner gehört. Ich bin dann alleine im Schloss umhergewandelt, abseits vom Rest des Ensembles. Die Musik lief, draußen hat es gestürmt… das werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Dieses Erlebnis hat viel mit mir gemacht, auch für die Rolle.

Wird das Erleben des Ganzen durch die räumliche Nähe zu Schloss Neuschwanstein jetzt nochmal intensiver für Sie als Darsteller?
Das ist eine ganz interessante Frage. Als ich vorhin kurz vor „Kalte Sterne“ auf der Bühne stand, hatte ich ja ein bisschen Zeit, weil länger gesprochen wurde (Anm. der Redaktion: Während der Pressekonferenz hat unmittelbar vor dem Lied Regisseur und Produzent Benjamin Sahler Fragen beantwortet.). Und ich dachte an Kempten, das ja nur 40 Kilometer entfernt ist. Dort hatte ich diese Erlebnisse im Schloss in mir. Natürlich muss ich die auch jetzt noch in mir haben, um daraus zu schöpfen. Aber gleichzeitig ist hier eben diese ganze Welt auch um mich herum. Zum jetzigen Zeitpunkt könnte ich mir vorstellen, dass darin auch eine gewisse Gefahr liegt. Man muss aufpassen, dass man nicht zu bequem wird, sich ausruht und das Ambiente die Arbeit machen lässt. Im Gegenteil. Eigentlich ist es nötig, noch tiefer einzusteigen. Ich denke, das wird für die Proben mein Weg sein.

ludwig 2573Wie wird Ihre Interpretation der Rolle in Füssen im Unterschied zu Kempten aussehen?
Das kann ich noch nicht sagen. Natürlich, ich bin jetzt fünf Jahre älter, habe fünf Jahre mehr Lebenserfahrung, das wird ganz automatisch eine Rolle spielen. Ich werde mir die Aufnahmen von damals kritisch anschauen und überlegen, was ich besser machen könnte, was mir damals noch nicht optimal gelungen ist, wo ich damals vielleicht noch gar nicht so weit war, dass ich es hätte anders machen können. Auf den inszenatorischen Ansatz bin ich selber sehr gespannt, vor allem, wie der Regisseur den Schluss erzählen möchte und inwieweit der See eine Rolle spielt. Das ist ja der große Streitpunkt: Wird Ludwig umgebracht oder begeht er Selbstmord? Vielleicht hat Benjamin Sahler, der ja nicht nur produziert, sondern auch Regie führt, seine Lösung, seine Idee schon im Kopf. Aber bisher hat er sie mir noch nicht mitgeteilt, dazu kamen wir einfach noch nicht. Es gab so viel anderes zu tun, beispielsweise war in den letzten Wochen das Casting natürlich mit viel Arbeit verbunden.

Waren Sie da involviert?
Ja. Ich habe gemeinsam mit meinem Kollegen Patrick Schenk Ende 2015 die Agentur „Art und Weise - Agentur für Musical“ gegründet. Bis auf einzelne Kontakte, die direkt über den Produzenten zustande kamen - René Kollo beispielsweise - haben wir zu 98% die Besetzung übernommen. Da wir ja beide Darsteller sind und mit den Leuten auf der Bühne stehen, konnten wir durch unsere persönlichen Kontakte viele tolle Kollegen gewinnen, die sonst für so eine Sommersache vielleicht gar nicht zur Verfügung gestanden hätten, Uwe Kröger zum Beispiel. Oder auch Dorothea Baumann und Oedo Kuipers, die ja bei „Mozart!“ in Wien gerade erst große Erfolge feierten.

stockinger 01In Stuttgart haben wir aber auch ein Casting veranstaltet und unter anderem Marina Krauser kennengelernt, die Ludovica spielen wird. Sie ist eine große Bereicherung. Ein ganz junger Kollege, Kevin Arand, wird alternierend Graf Dürckheim spielen und auch ein Cover für Ludwig bekommen. So hat sich das alles zusammengesetzt. Ich muss sagen, dass ich schon ein bisschen stolz auf die Cast bin, wir haben ein großartiges Ensemble gefunden. Patrick, der Künstlerischer Leiter im Stage-Metronom-Theater in Oberhausen war, wird auch hier in Füssen die Produktionsleitung übernehmen.

Werden Sie während der „Ludwig²“-Spielzeit Konzerte im Rahmen Ihres „Face to Face“-Programms geben? Es gibt ja einige schöne locations hier in der Gegend…
Das ist richtig. Es ist momentan noch nichts konkret geplant, aber Gespräche finden tatsächlich jetzt statt. „Face to Face“ ist ja als Barkonzert nur mit Klavier- und Geigenbegleitung gestartet, in Essen, in einem zum Restaurant umgebauten Bahnhof, einfach als Ausgleich zur großen Bühne. Bei diesen Konzerten singe ich meine Lieblingslieder aus Musicals, ganz direkt auf Augenhöhe mit dem Publikum, deshalb „Face to Face“. Zwischenzeitlich bekam das Programm dann auch einen größeren Rahmen, es hat im großen Haus im Theater Trier drei Mal mit Band und auch mit weiteren Sängern stattgefunden. Da ich so viele andere Projekte habe, gab es dieses Jahr noch keinen Termin. Aber die Idee ist da und ich könnte mir vorstellen, dass wir sie auch realisieren.

Worauf freuen Sie sich in Füssen am meisten?
Am meisten freue ich mich einfach auf das Stück und darauf, wieder in die Rolle eintauchen zu können. Aber natürlich ist es auch wunderbar, an so einem schönen Fleck Erde Zeit verbringen zu dürfen.

Interview: Sylke Wohlschiess

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