Logo MusicalSpot

Rezension Cast-CD:
„Moulin Rouge Story" 

cd moulinrougestory studio 01Studio-Cast-CD
Erscheinungsjahr: 2015
Spieldauer: 82 Minuten


Langbeinige Tänzerinnen wirbeln auf der Bühne, manch einer erhascht einen schnellen Blick unter die hoch fliegenden Röcke. Distinguierte Herren, edle Zigarettenspitzen in elegant behandschuhten Damenhänden, ein bisschen Geheimnis, ein Hauch Verruchtheit. Schon mit den ersten Takten von „Komm ins Moulin Rouge“ führen Marc Schubring (Musik) und Wolfgang Adenberg (Libretto) mit der Studio-Gesamtaufnahme ihrer „Moulin Rouge Story“ den Zuhörer direkt in die champagner- und rauchgeschwängerte Atmosphäre des Moulin Rouge im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Im Mittelpunkt steht Isabelle de Fontillac. Die schöne Gräfin langweilt sich in der konservativen Welt ihres Gatten Henri. Sie zieht es ins Moulin Rouge, wo sie unerkannt als Tänzerin auftritt und zum Star von Paris avanciert. Sie schließt Freundschaft mit Maurice Guibert, der ebenfalls dort tanzt. Eines Abends sitzt Henri im Publikum und erkennt Isabelle – der Skandal ist perfekt. Zunächst halten beide an ihrer Ehe fest, jedoch, Isabelles Sehnsucht nach einem Leben außerhalb bürgerlicher Normen ist größer. Sie gibt schließlich dem hartnäckigen Werben des Malers Arsène Cossard nach, worauf Henri sich von ihr abwendet. Arsène und das Moulin Rouge werden zu Isabelles Zuhause. Doch der schöne Schein der Glitzerwelt ist nicht von Dauer.

In perfekt gesetzten Worten beschreibt Autor Wolfgang Adenberg, wie im Moulin Rouge das ehrbare Bürgertum auf La Bohème trifft. Seine stimmige fiktive Geschichte entstand ohne Anlehnung an bestehende Werke und gewinnt durch geschickte Anbindung an die Realität zusätzlich an Wirkung. So tauchen im Musical neben erfundenen Charakteren auch historische Personen auf, wie Joseph Oller, der Mitgründer des Moulin Rouge, oder Maurice Guibert, der im Stück vom Fotografen zum Tänzer wird. Die rote Mühle auf dem Dach des weltbekannten Varietés wird in „Die Flügel der Mühle“ zu einer ausdrucksstarken Metapher für das sich immer weiterdrehende Leben. Und wenn der Maler Arsène die „ganze Welt mit neuen Augen“ sieht und „auf einmal alle Farben leuchten“, kann man sich der intensiven Symbolik des Textes kaum mehr entziehen. Adenberg versteht es, diese starke metaphorische Wirkung mit angenehm ungekünstelter, sehr natürlicher Sprache zu erzeugen, die den handelnden Personen große Authentizität verleiht. Zudem passen die Reime und Worte taktgenau auf Marc Schubrings abwechslungsreiche Melodien, die verschiedenartige Stile zu einer großartigen Gesamtkomposition vereinen. Nico Gaiks meisterhafte Orchestrierung und Programmierung beweist zudem, dass gut gemachte samples auf einer CD nicht mehr von einer Einspielung mit Live-Orchester zu unterscheiden sind.

Im Moulin Rouge lässt Marc Schubring flotte, jazzig angehauchte Tanznummern erklingen, die Broadway-Feeling vermitteln. „Berceuse“, ein sanftes Wiegenlied, steht als Ruhepol dagegen. Eingängige musicaltypische Balladen, als Duett oder Solo komponiert, gehen sofort ins Ohr und klingen doch neu und frisch. Zahlreiche Reprisen verstärken den Wiedererkennungswert. Wenn gegen Ende „Isabelles Entscheidung“ die Melodie von „Unangepasst und frei“ aufgreift oder „Ich werd‘ mich davon nie befrei’n“ sowohl textlich als auch kompositorisch an „Ich werde mich von dir befrei’n“ anknüpft, schließt sich der Handlungsbogen. Anspieltipp: „Die Sehnsucht bleibt“. Sehnsuchtsvolle Akkordeonklänge im Kolorit des französischen Volksliedes und ein berührender Text machen zusammen mit ausgezeichneten Stimmen dieses Quartett zu einem absoluten Glanzlicht.

Im Booklet sind alle Texte abgedruckt, eine Inhaltsangabe ordnet die Lieder in den Kontext ein, zudem werden alle Songs noch einmal mit dem jeweiligen Rollencharakter aufgelistet. Mehr Hilfestellung braucht es nicht, damit schon beim Anhören der CD Bilder im Kopf des Zuhörers entstehen.

Als Isabelle de Fontillac agiert Sabrina Weckerlin als einzige auf beiden Seiten der Gesellschaft, entsprechend vielseitig sind ihre Gesangsparts. Wenn sie zuerst melancholisch, dann immer verzweifelter „War das schon alles?“ fragt und schließlich mit druckvollem Crescendo ihrer Hoffnung auf das Leben, das „sie noch immer einlädt“ hinausruft, überzeugt sie ebenso, wie mit sanfter Stimme beim Schlaflied für ihre Tochter. Sabrina Weckerlin arbeitet Isabelles verschiedene Lebenssituationen stimmlich wunderbar heraus. Mit zarter Untermalung durch den (Sirenen)-Chor bleibt sie bei „Ich schenke mich dir ganz her“ mit elegant-lasziver Betonung trotz aller Offenherzigkeit die adlige Dame, die nur hinter einer Maske „unangepasst und frei“ sein kann. Als Isabelle nach der Trennung von Henri nicht mehr zum Spaß, sondern für ihren Lebensunterhalt singt, fällt das Niveau ihrer Nummern im Moulin Rouge. Analog dazu wird der Text bei „Das Sehnen der Sirenen“ platt, der Sirenengesang steigert sich in Geheul und Weckerlin überzieht bewusst. So herrlich hat wohl selten eine schräge Shownummer geklungen.

Daran haben auch „Les Girls“ großen Anteil. Susanne Eisenkolb, Ulrike Frank, Agnes Hilpert, Julia Klotz, Bettina Meske und Nini Stadlmann bilden den Chor, der als Zweitstimme oder auch als gleichwertiger Duettpartner einer Solostimme die Verlockungen im Moulin Rouge preist. Diese Aufgabe fällt auch Ethan Freeman als Direktor Joseph Oller zu. Geradezu ideal passt der Part zu Freemans klassisch geschulter Stimme. Mit ausgesprochen eleganter Stimmführung und erstklassiger Intonation lädt er die Gäste ins faszinierende Etablissement. Jederzeit eloquent und souverän, lässt er bei „Die schöne Unbekannte von Paris“ zudem spöttisch-wissend durchblicken, dass er selbstverständlich das Geheimnis kennt. Wunderbar, wie unterschiedlich man die simple Frage „Ist sie’s?“ doch betonen kann.

Einzig eingeweiht ist Maurice Guibert, durch dessen Tipp Isabelles Auftritte erst möglich wurden. Adrian Becker, der 2008 bei der Uraufführung im Alten Schauspielhaus Stuttgart in dieser Rolle auf der Bühne stand, singt mit Bravour den Tänzer, der zu Isabelles bestem Freund wird. Beckers locker gesetzte Töne verdeutlichen bei „Einmal kommt alles raus“, dass er diese mahnenden Worte aus Sorge um Isabelle ausspricht, nicht etwa, um sie für ihren Bruch mit den gesellschaftlichen Konventionen zu verurteilen. Mit leisen, unglaublich gefühlvollen Tönen macht Adrian Becker die Sehnsucht fast greifbar, die „tief versteckt in deinem Herzen, fast so schwach, dass du’s vergisst“ nicht nur in Isabelle lebt.

Drew Sarichs leidenschaftliche Interpretation des Malers Arsène Cossard verdeutlicht, dass auch dieser ein Getriebener ist, ein Freigeist, der „noch viel mehr Wege als nur den Weg nach Haus“ gehen will. In den bei „Unangepasst und frei“ eingebundenen Dialogszenen transportiert Sarich den Wortwitz mit fast sichtbarem Augenzwinkern in der Stimme, und „Morgen wird alles gut“ so beschwichtigt er mit sanfter Stimme die von ihrem Mann Henri verlassene Isabelle.

Als Henri de Fontillac kämpft Jan Ammann mit Schuldgefühlen, die ihn wegen des Selbstmordes seiner ersten Frau peinigen. Treibende Schlagzeugrhythmen ziehen anfangs bei „Ich werde mich von ihr befrei’n“ die Gesangsstimme mit, bis diese dominanter wird und in einem fulminanten Schlusston endet, bei dem Ammanns klangschöner Bariton und sein immenses Stimmvolumen hervorragend zur Geltung kommt. „Was kann ein Mann ertragen?“ singt Jan Ammann ungewohnt hart, fast martialisch. So bringt er Henris verzweifelten Wutausbruch, der fast einem Befreiungsschlag gleicht, äußerst eindrucksvoll zu Gehör und macht dessen Emotionen für die Zuhörer direkt erlebbar.

Bei der „Moulin Rouge Story“ verbinden sich Musik, Text und Handlung zu einem grandiosen Gesamtwerk, das ohne jeden Zweifel eine Bereicherung für das Genre ist. Die Studio-Cast-CD mit durchweg fantastischen Interpreten ist ein absolutes Muss für jeden, der Musicals liebt.

Text: Sylke Wohlschiess

CD-Tracklist

  • Komm ins Moulin Rouge
  • War das schon alles?
  • Unangepasst und frei
  • Unangepasst und frei / Reprise
  • Verstehen Sie?
  • Nicht für fremde Augen/ Pre-Reprise
  • Nicht für fremde Augen
  • Die schönste Unbekannte von Paris
  • Berceuse
  • Die schönste Unbekannte von Paris / Reprise
  • Mit neuen Augen
  • Ich werde mich von dir befrei'n
  • Einmal kommt alles raus
  • Unangepasst und frei / Reprise 2
  • Intro 2. Akt
  • Belles du Moulin Rouge
  • Was tun die Polynesier?
  • Die Sehnsucht bleibt
  • Was kann ein Mann ertragen?
  • Morgen wird alles gut
  • Das Sehnen der Sirenen
  • Ich werd' mich davon nie befrei'n / Reprise
  • Die Flügel der Mühle
  • Isabelles Entscheidung
  • In meinem Liebesgarten
  • Ich hatte alles
  • Finale

Diese Inhalte auf MusicalSpot.de könnten Sie auch interessieren:

Darstellerprofil Adrian Becker
Rezension "Jekyll & Hyde" in Zwingenberg, mit Drew Sarich in der Titelrolle, August 2016
Konzertrezension "Königsgala Füssen", mit Ethan Freeman, September 2014
Rezension "Victor/Victoria" in Stuttgart mit Jan Ammann als King Marchan, Dezember 2013
Rezension "Show Boat" in Bad Hersfeld mit Jan Ammann als Gaylord Ravenal, Juni 2013
Rezension "Kiss me Kate" in Stuttgart mit Adrian Becker als Fred Graham/Petruchio, Januar 2013