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Tenöre hoch drei:
Konzert - Rezension „Spürbar" in Pforzheim

Eine Schattengestalt, vage sichtbar an hellen Haaren, schreitet von der Bühne, vorbei an der dort errichteten Zuschauerempore, die Stufen zum abgedeckten Orchestergraben hinunter. Kaum einen Meter vom Publikum entfernt sind dort die Instrumente aufgebaut, an denen Rainer Kunert (Schlagzeug) und Heike Rügert (Holzblasinstrumente) Platz nehmen. Stefan Große-Karthöfer greift zur Gitarre, Klaus Dusek zum Bass, der Musikalische Leiter Guido Löflad schlägt auf dem Klavier die ersten, langsamen Take von „Paradise Café" an. Eine Kerze ist erkennbar, ein Feuerzeug blitzt auf, plötzlich erhellt sich der Saal und Chris Murray, Andrea M. Pagani und Friedrich Rau stehen im Scheinwerferlicht.

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Dieser gelungene Einfall der Lichtregie eröffnet das „Spürbar"-Konzert der drei Tenöre im Theater Pforzheim. Alle Solisten stehen aktuell in den Musicalproduktionen des Hauses auf der Bühne. Doch statt „Chess", „Tommy" und „Dracula" zeigen Pagani, Rau und Murray bei diesem Konzert ganz andere Seiten ihres Repertoires. Das breit gefächerte Programm besteht fast durchweg aus Musical-, Rock- und Popsongs mit inhaltlichem Anspruch, teils weltbekannt, teils eher den musicalerfahrenen Gästen ein Begriff. Die lockere, natürliche Moderation gleicht einem Gespräch unter Freunden. Alle Künstler bringen ihre ureigene Persönlichkeit ein und schaffen so einen roten Faden, der die schillernde Songauswahl zu einer Einheit verbindet.

Dass „Les Misérables" in der französischen Originalfassung nur eineinhalb Stunden lang ist und die schwierig zu singenden Lieder erst nachträglich eingefügt und von West End-Künstlern interpretiert wurden, erfährt man ebenso im „trivia moment mit Chris", wie den Inhalt von Musicals wie „Der Mann von la Mancha" und Frank Nimsgerns „Der Ring". Murrays Erklärungen sind durch seine schauspielerische Untermalung wunderbar kurzweilig und zugleich inhaltlich so exakt auf den Punkt gebracht, dass jeder die Lieder in den Kontext einordnen und die Gesangsleistung so noch besser würdigen kann.

Chris Murray gibt mit rockig-aggressivem Crescendo den machthungrigen Alberich aus dem Ring ebenso überzeugend, wie den zornigen Inspektor Javert bei „Der doppelte Schwur" im Duett mit Pagani als Jean Valjean. „Stern" singt Murray mit viel Ausdruck und beeindruckendem Stimmvolumen. Seine szenische Umsetzung ist eindringlich, mit großen Gesten und markanter Mimik bringt Murray die Rollencharaktere auf die Konzertbühne. Dass er auch die ruhigen Töne beherrscht, beweist er mit einer einfühlsamen Interpretation von „Hushabye Mountain", ein Lied das „er als Vater besonders gut nachempfinden kann".

spuerbar02Bei manchen Liedern sollte man ganz genau auf den Text achten. Ein guter Einfall deshalb, die deutsche Übersetzung dem Vortrag von Stings „Fragile" voranzustellen. Chris Murray und Andrea M. Pagani schaffen einen Moment des Innehaltens, einen Glanzpunkt in einem Konzert, das sich durchweg auf hohem musikalischen Niveau bewegt.

„Ich bin mit Billy Joel aufgewachsen" hört das erstaunt lauschende Publikum dann. „Also", präzisiert Andrea M. Pagani mit seinem unverwechselbaren trockenen Humor, „nicht mit Billy persönlich, nur mit seiner Musik". Und dass er sich geradezu unbändig freut, einen Song des New Yorker Songwriters zum Besten geben zu dürfen, merkt man Pagani deutlich an. Voll und weich klingt seine Stimme bei „All about Soul", jeder Ton ist Hingabe an die Musik – eine großartige Leistung. Klar und scheinbar mühelos perlen die Töne bei „Bring ihn heim", und als „leider hab' ich keine blonden Locken"-Tod demonstriert Andrea M. Pagani mit einem fetzigen letzten Tanz seine enorme Vielseitigkeit.

In harmonischem Zusammenspiel ergänzen sich die Stimmen von Pagani und Friedrich Rau bei der Ballade „Walk with me" – und es ist auch gleich klar, wer welchen Part singt. Bei den Schatten dagegen müssen sich Rau und Murray zuerst noch einigen, wer denn wohl der Tod sein darf. „Ist der Text auch groß genug?" fragt Friedrich „Rudolf" Rau. Chris Murray droht ganz in Tod-Manier dem aufmüpfigen Kronprinzen und hält ihm lachend ein Blatt vors Gesicht. „Nee, ich kann den Text". Doch Friedrich Rau ist nicht nur textsicher, sondern liefert einen durch und durch glaubhaften Rudolf ab, stimmlich perfekt und mit so verzweifeltem Gesichtsausdruck, dass man kaum glauben mag, dass Minuten vorher beide Künstler noch lachend miteinander scherzten.

Zu Raus energiegeladener Stimme passen die pop-orientierten Songs am besten. Bei „Engel aus Kristall" treiben Rau und die hervorragend aufspielende Band die Dynamik vehement voran, auch „Endlose Nacht" und „Fremde wie ich" sind mitreißende Darbietungen.

Erneut gelingt es bei „Spürbar" den Sängern und Musikern, anspruchsvolle musikalische Unterhaltung mit Individualität und Spaß zu verbinden. Und wenn ganz am Schluss, bei der Reprise von „Paradise Café", Chris Murray die anfangs angezündete Kerze löscht und gleichzeitig auch die Scheinwerfer dunkel werden, geht ein besonderes Konzert mit einem spürbar besonderen Moment zu Ende.

Text: Sylke Wohlschiess

... mehr Fotos unterhalb der Setlist

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Darstellerprofil Chris Murray
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Setlist

Titel Interpret/-en Mehr Informationen rund um den Titel
1. Teil    
Paradise Café alle "Paradise Café" ist der Titelsong von Barry Manilows 14. Studioalbum "2:00 AM Paradise Café", das im November 1984 erschien. Der Song vermittelt intensiv die Atmosphäre einer verrauchten Jazzkneipe.
Fremde wie ich Friedrich Rau Musical: "Disneys Tarzan"
Tarzan und Jane nähern sich einander an und sind bereit, sich auf diese neue Erfahrung einzulassen.
Hushabye Mountain Chris Murray Musical: "Tschitti Tschitti Bäng Bäng"
Caractacus Potts, erfolgloser Erfinder, singt diese Ballade, die in der deutschen Filmversion "Sandmännchens Berge" heißt, seinen beiden Kindern Jemima und Jeremy als Schlaflied.
Der letzte Tanz Andrea M. Pagani Musical: "Elisabeth"
Der Tod taucht als ungeladener Gast beim Hochzeitsball im Schloss auf. Elisabeth fürchtet ihn, kann sich aber seiner Anziehungskraft nicht entziehen. Siegessicher verkündet der Tod, dass der letzte Tanz nur ihm allein gehören wird.
Die Schatten werden länger Chris Murray, Friedrich Rau Musical: "Elisabeth"
Schon als Kind begegnete Rudolf dem vermeintlichen Freund - dem Tod. Jetzt treffen sie wieder aufeinander. In der Luft liegt schon die Ahnung vom Untergang der Habsburger und vom Tod des Kronprinzen.
Bring ihn heim Andrea M. Pagani Musical: "Les Misérables"
Es ist die Nacht vor dem alles entscheidenden Kampf. Die Rebellen schlafen, nur Jean Valjean ist wach und betet zu Gott, er möge Marius beschützen.

Der doppelte Schwur

 

Andrea M. Pagani,
Chris Murray
Musical: "Les Misérables"
Jean Valjean, der soeben Fantines Sterben miterlebt hat, wird von Inspektor Javert im Krankenhaus gestellt. Vergebens versucht Valjean seinen Widersacher davon zu überzeugen, dass er nur sein Versprechen einlösen und Fantines Tochter Cosette holen will, um dann zurück zu kommen. Javert glaubt ihm nicht. Es kommt zum Kampf, Valjean schlägt Javert nieder.
Stars Chris Murray Musical: "Les Misérables"
Inspektor Javert schwört, den flüchtigen Sträfling Jean Valjean zu stellen. Vollkommen überzeugt, das Richtige zu tun, fühlt er sich als Vertreter Gottes auf Erden, in dessen Namen er nicht eher ruhen wird, bis Valjean wieder hinter Gittern sitzt.
Engel aus Kristall Friedrich Rau Musical: "Die Drei Musketiere"
Musketier Athos leidet immer noch unter dem Verlust seiner große Liebe. Er hat seine Ehefrau Milady de Winter verstoßen, weil sie ihm nie gestanden hat, dass sie mit der Lilie, dem Zeichen einer Prostituierten, gebrandmarkt wurde.
Dann bist du da Andrea M. Pagani 1982 erschien das Album "In Gedanken bei Dir" des deutschen Schlagersängers Roland Kaiser, auf dem "Dann bist Du da" zu hören ist. Im Lied wird beschrieben, wie Freundschaft bei Überwindung schwieriger Situationen helfen kann. Das geplante Musical "Santa Maria" mit den Liedern von Roland Kaiser wurde abgesagt.
O sole mio / It's now or never alle Der neapolitanische Komponist Eduardo Di Capua schuf im April 1898 dieses Lied, das übersetzt mit "Meine Sonne" betitelt ist. 'O Sole Mio' wurde zu einem der berühmtesten Lieder der Welt. Die erste Studioaufnahme mit Enrico Caruso erschien 1916, unzählige weitere Veröffentlichungen folgten. Unter dem Titel "It's now or never" sang Elvis Presley 1960 seine Coverversion, die zu einer der meistverkauften Singles aller Zeiten wurde.
2. Teil    
Ride like the Wind Andrea M. Pagani "Ride like the Wind" war 1980 die erste Singleauskopplung aus dem Debütalbum des texanischen Songwriters und Sängers Christopher Cross. Der Text handelt von einem Mörder, der zehn Menschen erschossen hat und nach Mexiko flieht.
Der Mann von la Mancha / Der unmögliche Traum Chris Murray Musical: "Der Mann von la Mancha"
Als seine eigene Romanfigur Don Quijote spielt der von der Spanischen Inquisition inhaftierte Cervantes im Gefängnis sein eigenes Stück. Der Ritter kämpft gegen nicht existierende Feinde und glaubt, er sei ein großer Held. "Der unmögliche Traum" hält an, an seine Träume zu glauben, für sie zu kämpfen, egal, ob man letztlich gewinnt oder verliert.
Endlose Nacht Friedrich Rau Musical: "König der Löwen"
Simba kann seinen Freund, das Erdmännchen Timon, nur knapp aus einem Fluss retten. Das erinnert ihn an den Tod seines Vaters Mufasa, für den Simba sich schuldig fühlt, und an ein Gespräch, in dem Mufasa ihm sagte, er werde stets bei ihm sein. Nun fühlt Simba sich alleine und im Stich gelassen.
Fragile Andrea M. Pagani,
Chris Murray
Der britische Musiker Gordon Matthew Thomas Sumner, natürlich bekannt als Sting, schrieb "Fragile" in Erinnerung an den US-amerikanischen Ingenieur Ben Linder, der 1987 in Nicaragua von Contra-Rebellen getötet wurde. Das Lied ist auf dem 1987er Studioalbum "Nothing like the Sun" zu finden und gilt neben "Fields of Gold" als sein Markenzeichen. Am 21. September 2001 sang Sting "Fragile" auf dem Benefizkonzert für die 9/11-Opfer. Sting ist parallel zu seinen künstlerischen Aktivitäten auch politisch aktiv, engagiert sich für Menschenrechte und gründete 1987 die "Rainforest Foundation".
You raise me up Friedrich Rau Der Norweger Rolf Lovland komponierte "You raise me up" für sein Duo "Secret Garden". Das Lied wurde inzwischen weit über 100 Mal gecovert, u.a. von Westlife, Il Divo und Josh Groban. Auf der U.K.-Version von David Garretts Crossover-Album "Virtuoso" befindet sich eine Instrumentalversion, als solche war das Stück ursprünglich auch angelegt. Erst nach der Lektüre von Grahams Romanen "The Whitest Flower" and "The Element of Fire" bat Lovland ihn, einen Text zum Lied zu verfassen.
All about Soul Andrea M. Pagani Billy Joel schrieb "All about Soul" für sein 1993 veröffentlichtes Album "River of Dreams". Es geht um tiefes Verstehen, um Liebe, die keine Worte braucht.
Macht Chris Murray Musical: "Der Ring"
In Frank Nimsgerns Musicaladaption der Nibelungensage rockt Zwerg Alberich, dem der Ring "Macht" verliehen hat. Er hält sich für unbesiegbar.
You walk with me Andrea M. Pagani,
Friedrich Rau
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Ethan und Malcolm kommen sich bei den Proben für den Stripshow näher, aus Männerfreundschaft wird eine Liebesbeziehung.
Mann Friedrich Rau Musical: "Ganz oder gar nicht - The full Monty"
Jerry und Dave, zwei arbeitslose Stahlarbeiter, wollen fortan - auch ohne Traumkörper -  als Stripper Geld verdienen, denn sie haben erstaunt mitbekommen, dass ihre Frauen bereit sind, für solche Shows Geld zu bezahlen. Das sollte nicht nur bei den Chippendales funktionieren, meinen die beiden.
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Am Ende seines Lebens denkt Casanova zurück an die vielen Frauen, die seinen Weg gekreuzt haben. Er weiß immer noch nicht,  ob die Richtige jemals dabei war und bedauert, dass er "Die eine die bleibt" nie gefunden hat.
No one but you alle Musical: "We will rock you"
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Zugaben    
Isn't she lovely alle 1976 schrieb Stevie Wonder "Isn't she lovely" nach der Geburt seiner Tochter Aisha, veröffentlicht wurde das Lied auf seinem 18. Studioalbum "Songs in the Key of Life".
Hot Patootie - Bless my Soul alle Musical: "Rocky Horror Show"
Eddie, Dr. Scotts Neffe, feiert seine Leidenschaft für wilde Parties. Richard O'Brien schrieb "Hot Patootie" oder "Whatever happenend on a Saturday Night", wie er auch betitelt wird, speziell für das Musical, der Song ist aber auch auf Meat Loafs Album "Live around the World" von 1996 enthalten.
Paradise Café alle  

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